Psychologie der Kunst. Gestalt und Farbe bei Friedl Dicker-Brandeis

Robin Rehm, Psychologie der Kunst. Gestalt und Farbe bei Friedl Dicker-Brandeis, in: Stefanie Kitzberger, Cosima Rainer und Linda Schädler (Hg.), Friedl Dicker-Brandeis. Werke aus der Sammlung der Universität für angewandte Kunst Wien, Berlin/Boston 2023, S. 272–293.

Mann im Zimmer lautet der ökonomische Titel von Friedl Dicker-Brandeis für ein undatiertes, in Blau-, Grün- und Rottönen gehaltenes Pastellblatt, das mittig eine Person in einem perspektivisch konstruierten Raum zeigt. Gleißend weißes Licht dringt durch eine viereckige, zitronengelb gehaltene Öffnung. Der Mann blickt zur Decke. Allein sein bleiches Antlitz setzt sich von der zinnoberroten, mit Schwarz abgeschatteten Wand ab. Gleichfalls in Zinnober, jedoch seltsam leuchtend, ist der Stuhl aus Bugholz gefasst, der mit der ultramarinblauen Kleidung des Mannes kontrastiert. Ausdrücklich begreift Dicker das Psychologisch-Notwendige als Hauptkriterium des modernen Innenraumes. Im Mittelpunkt dieser Ausrichtung auf die Psychologie steht das Verhältnis von Raum und Farbe. „Unbestritten geht der Satz,“ heißt es in Karl Bühlers Struktur der Wahrnehmung von 1922, „daß wir weder Farbe ohne Raum noch Raum ohne Farbe sehen können, aus einer Darstellung in die andere über, nur seine Auslegung ist verschieden.“ Die Farbe hängt demnach entschieden mit der Oberfläche, auf der sie erscheint, zusammen. Aufgrund ihrer raumbildenden Kraft besitzt sie Anteil am Lebendig-Tätigen, mithin an dem, woran Friedl Dickers Malerei und Interieurgestaltung beständig appelliert.