Virtual Architecture of Loss

The Digitalization of Memory and the Commemoration of Domestic Space

Doktorandin: Stefania Rasile
Supervisor: Prof. Dr. Silke Langenberg
Co-Supervisor: Prof. Dr. Bernd Bickel

Der Fortschritt der Informationstechnologien, der Übergang vom mechanisch-analogen Zeitalter zum digitalin Zeitalter, hat die Art und Weise verändert, wie Erinnerung vermittelt, gespeichert und erlebt wird. Erinnerung ist nicht mehr auf materielle Träger beschränkt, sondern löst sich zunehmend von der physischen Präsenz, was Formen des Gedenkens ermöglicht, die räumliche und zeitliche Grenzen überschreiten. Historisch gesehen fungierten Denkmäler durch ihre physische Beständigkeit als Auslöser kollektiver Erinnerung. Im heutigen digitalin Zeitalter jedoch entwickelt sich der virtuelle Raum zu einem potenziellen Bereich der Erinnerung, in dem materielle Abwesenheit neu verhandelt werden kann. Im Gegensatz zum Denkmal, das Erinnerung durch materielle Präsenz institutionalisiert, wird hier das Konzept des “Memento” als konzeptionelles Werkzeug vorgeschlagen, durch das virtuelle räumliche Darstellungen auch in Abwesenheit des ursprünglichen Raums Erinnerungen wachrufen können.

Die Studie schlägt die Distanz zwischen den Bewohnern und dem Wohnraum als die spezifische Voraussetzung vor, anhand derer das Konzept des „Memento“ untersucht wird. Als primärer Untersuchungsort dient die Stadt Zürich, die durch intensive Prozesse des Wohnraumswandels im Zusammenhang mit der aktuellen Wohnungskrise geprägt ist, welche sowohl die bebaute Umgebung als auch ihre Bewohner betreffen. Die ausgewählten Fallstudien umfassen zwei unterschiedliche Wohnformen: die Siedlung und das Einfamilienhaus. Anhand dieser Typologien untersucht die Studie verschiedene Formen der Bindung an den Wohnraum sowie Erfahrungen des Verlusts. Die Untersuchung befasst sich daher nicht nur mit dem Verschwinden oder der Transformation des architektonischen Raums an sich, sondern auch mit dem Verlust von Lebenserfahrungen, sozialen Beziehungen und kollektiven Erinnerungen, die in Wohngebäuden verankert sind.
Methodisch verbindet die Forschung im Rahmen eines Digital-Humanities-Ansatzes immersive digitale Technologien mit mündlichen Erinnerungspraktiken. Einerseits werden in Zusammenarbeit mit dem Immersive Design Lab (IDL) an der ETH Zürich Methoden aus der Architekturtechnik eingesetzt, um Wohnräume mithilfe von XR-Technologien digital zu erfassen und nachzubilden. Andererseits stützt sich die Forschung auf eine qualitative und partizipative Methodik, die auf Interviews und kollektiven Erinnerungserfahrungen von Anwohnern und Besuchern basiert, die mit den ausgewählten Gebäuden verbunden sind. Digitale Experimente werden daher nicht als Endergebnis verstanden, sondern als methodisches Instrument, mit dem der virtuelle Raum als Ort des Gedenkens und des Dialogs kritisch erprobt werden kann.

Ausgehend von Perspektiven der Erhaltungswissenschaft, der Erinnerungsforschung und der Mensch-Computer-Interaktion untersucht diese Forschungsarbeit, wie der virtuelle Raum die Wahrnehmung, das Erleben und das Gedenken an Räume unterstützen kann, die in materieller Hinsicht nicht mehr existieren. Die Forschungsarbeit leistet zudem einen Beitrag zu aktuellen Debatten über den Verlust der gebauten Umwelt, indem sie den individuellen und kollektiven Wert gewöhnlicher Wohnräume hinterfragt und sowohl die architektonischen als auch die sozialen Dimensionen des Raumverlusts thematisiert.

Poster image: ©SCANVISION